Missverständnisse und Vorurteile über Hypnose

Viele der hier vorgestellten Dinge werden unter Fachleuten immer noch kontrovers diskutiert und dargestellt. Eine breite Kluft tut sich oft besonders zwischen Anhängern einer klassischen direktiven/autoritären Methode und denen einer eher indirekten/permissiven (erlaubenden) Methode sowie zwischen Therapeuten und Show-Hypnotiseuren auf. Die meisten der angeführten Themen lassen sich gar nicht mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten, sondern man müsste eher sagen "Es kommt darauf an." Dies ist ein Versuch, möglichst leicht verständlich und doch nicht zu oberflächlich auf übliche Fragen und Missverständnisse einzugehen. Wollte ich das Thema jedoch ausführlich behandeln, wäre ein ganzes Buch dazu nötig. 


Lesen Sie hier zu den einzelnen Themen:

Missverständnis: Hypnose ist wie tiefer Schlaf - Man kriegt nichts mehr mit

Für alle Suggestionen gilt, dass sie nur dann angenommen werden, wenn sie für die Person auf irgendeine Weise angenehm, akzeptabel und zieldienlich sind. Das gilt besonders für Suggestionen zur Erzeugung von hypnotischen Phänomenen, wie zum Beispiel Halluzinationen. Eine hohe Motivation wie sie zum Beispiel Patienten mit starken Schmerzen haben, ist dabei zusätzlich förderlich. Natürlich besitzt der geschickte Hypnotiseur/Hypnotherapeut eine ganze Reihe von Möglichkeiten dem Klienten Dinge schmackhaft zu machen (das kennen wir ja auch aus der Werbung, oder?). Schließlich geht es darum, das übliche kritische Denken zu umgehen und dadurch die Kreativität des Unbewussten nutzen zu können.


Wie bereits im vorigen Abschnitt erklärt, ist der Mensch, der sich in einem hypnotischen Zustand befindet durchaus nicht bewusstlos, sondern bekommt alles mit, was mit ihm und um ihn herum geschieht. Genauso wenig wird er zu einem willenlosen Werkzeug! Es besteht also nicht die geringste Gefahr, dass jemand in Trance etwas tut, das gegen seine Überzeugung, Moral oder Ethik spricht! Solche Dinge gibt es nur in Krimis, und auch in der Show-Hypnose wird einem oft so etwas vorgegaukelt (dazu weiter unten mehr). Jede Suggestion, jeder Befehl eines Hypnotiseurs der gegen die eigenen Überzeugungen des Klienten geht oder ihm schaden würde, wird entweder von ihm ignoriert oder er kommt empört aus der Trance. Ganz entscheidend ist dabei auch der jeweilige Kontext in dem Hypnose stattfindet, weil davon abhängt, was der Mensch in Trance erwartet und welchen Dingen er innerlich zustimmt. So ist natürlich Show- Hypnose ein völlig anderer Rahmen als eine Therapie.

Missverständnis: Man enthüllt Geheimnisse, die man lieber für sich behalten würde

Niemand enthüllt in einem hypnotischen Zustand Dinge, die er wirklich für sich behalten möchte oder sollte. Das geht im Wesentlichen schon aus den vorangegangenen Abschnitten hervor. Sie können in Hypnose sogar lügen – bewusst oder unbewusst! Allerdings ist es das Ziel der Hypnose, den übermäßig kritischen Verstand zu umgehen und Zugang zu unbewussten Dingen zu bekommen und unwillkürliche Prozesse (zum Beispiel das assoziative Aufsteigen von inneren Bildern) zu fördern. Das bedeutet natürlich auch, dass Sie vielleicht weniger kritisch dem gegenüber sind, was Sie dem Menschen, der Sie durch die Hypnose leitet, mitteilen. Das ist letzten Endes ein Zeichen und eine Frage von Vertrauen. Ohne Vertrauen und ein harmonisches Zusammenwirken (Rapport) ist keine wirkungsvolle hypnotherapeutische Arbeit möglich. Warum sollten Sie sich von jemandem in eine Trance begleiten lassen, dem Sie nicht vertrauen? (Im Übrigen ist das etwas, was Sie auf einer Ebene täglich erleben, wenn sie durch Werbung, Politiker, Menschen, die einen Vortrag halten oder predigen, in Trance versetzt werden – meistens ohne dass Ihnen das bewusst ist).

Missverständnis: Nur geistig schwache und gutgläubige Menschen kann man hypnotisieren

Zunächst einmal ist der Ausdruck „jemanden hypnotisieren“ oder „hypnotisiert werden“ nicht ganz glücklich, weil er nicht das wiedergibt, was sich während einer Trance abspielt, zumindest nicht in einer modernen kooperativen Trancearbeit, wie sie zum Beispiel von dem amerikanischen Psychiater Milton H. Erickson entwickelt und gelehrt wurde.


Meistens ist das Gegenteil der Fall: Menschen die geistig rege, wach und intelligent sind, sind die besseren „Trance-Medien“, das heißt, sie gehen leichter in Trance und sind besser in der Lage die Trancearbeit für sich zu nutzen. Was aber besonders nützlich und förderlich ist - unabhängig von Intelligenz - ist die grundsätzliche Bereitschaft und eine gewisse offene Neugierde.

Missverständnis: Ich glaube nicht, dass man mich hypnotisieren kann

Das ist richtig! Niemand kann Sie hypnotisieren, wenn Sie nicht die grundsätzliche Bereitschaft dazu haben. Hypnose, besonders therapeutische Hpnose ist ein kooperativer Prozess zwischen dem Therapeuten und Ihnen, und wenn Sie sich nicht darauf einlassen wollen, warum sollten Sie dann einen Hypnotherapeuten aufsuchen? Wenn Sie sich bewusst dagegen sperren, wird nur selten jemand etwas bei Ihnen ausrichten können, und eine Therapie wäre dann sehr mühselig. Allerdings ist es einem geschickten Hypnotiseur durchaus möglich, ahnungslose Menschen mit einer Hypnoseinduktion zu überraschen. Altmeister Erickson machte sich oft einen Spaß daraus, Menschen beim Händeschütteln in Trance zu leiten.


Und, es ist außerdem ein Fakt, wie ich bereits oben erwähnte, dass Sie laufend von Menschen in Trance versetzt werden, vermutlich ohne dass Ihnen das bisher bewusst war: Lehrer, Politiker, Professoren, Priester, Werbefachleute, Fernsehen und vieles mehr. Trance ist ein ganz natürlicher Zustand, den jeder Mensch aus dem Alltag kennt. Deshalb ist auch jeder Mensch in der Lage, in Trance zu gehen. Wir tun das ganz natürlich jeden Tag. Oft nehmen wir das wahr als ein Dösen, oder als ganz und gar in eine Aktivität versenkt sein.


(Ich persönlich arbeite ausschließlich mit dem Einverständnis und der vollen Mitarbeit meiner Klienten. Das ist für mich auch ganz einfach eine Frage der Wertschätzung und einer kooperativen Beziehungsgestaltung.) 


Und was geschieht dann wirklich bei einer Hypnose?


Also, in Trance gehen (in einen hypnotischen Zustand), das kann wirklich jeder. Das Ganze ist dann aber noch keine Hypnose oder Hypnotherapie. Diese setzt dann ein, wenn wir beginnen, diesen Zustand in irgendeiner Weise zielgerichtet zu nutzen. In der Bühnenhypnose mag das dadurch geschehen, dass ich die Trance so weit vertiefe, dass der Mensch zum Beispiel Dinge halluziniert, das heißt, Dinge wahrnimmt, die nicht da sind. In der Therapie könnte eine Nutzung der Trance dadurch geschehen, dass wir zu einem Zustand zurückgehen (oder ihn in der Fantasie erschaffen), in dem der Klient gewünschte Eigenschaften bereits einmal erlebt hat und ihn diese mit allen Sinnen erleben lassen und für die Zukunft verfügbar machen. Auf die gleiche Weise ist es möglich, in einem therapeutischen Kontext belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit wiederzuerleben (einschließlich vergessener Inhalte) und zu heilen. Hierzu macht der Therapeut (oder der Bühnenhypnotiseur) der betreffenden Person verschiedene Einladungen und Vorschläge (Suggestionen), denen dieser folgen kann, oder auch nicht. Wenn Sie diesen Einladungen nicht folgen wollen, dann werden Sie es halt nicht tun. Kein Therapeut oder Hypnotiseur kann Sie zwingen. Aber natürlich gibt es da für den professionellen Anwender eine Reihe von Methoden, die Bereitschaft zu fördern. Es gibt Menschen, die leichter in Trance gehen und Suggestionen befolgen können; andere haben mehr Schwierigkeiten damit und müssen das erst ein wenig üben.

Da kann ich Sie beruhigen. Das Zurückkehren aus der Hypnose geschieht genauso natürlich wie das Hineingehen. Meistens wird das durch entsprechende Suggestionen durch den Therapeuten eingeleitet. So könnte er zum Beispiel sagen „Ich werde jetzt bis 10 zählen, und dann werden sie die Augen öffnen, frisch ausgeruht sein und sich sehr wohl fühlen. Sie sind dann hellwach, vollkommen wieder hier in dieser Zeit und an diesem Ort.“ Oder er könnte Sie einladen, ganz von selbst zurückzukehren innerhalb der nächsten 1 bis 2 Minuten, und dann die Augen zu öffnen, hell wach, sehr zufrieden, gut ausgeruht und vollkommen gesund. Manchmal werden Sie auch ganz von sich aus die Trance beenden, und in den Wachzustand zurückkehren. Dies kann sogar mitten in einer Arbeit geschehen, und es ist vollkommen in Ordnung. Ein geschickter Therapeut weiß das sogar auszunutzen um die weitere Arbeit noch effektiver zu machen.

(Oder: Mit den Methoden der modernen (Ericksonschen) Hypnotherapie und deren Weiterentwicklungen ist es nicht möglich, tiefe Trancezustände zu erreichen.) 


Diese Ansicht wird heute immer noch, auch von einer ganzen Reihe von Fachleuten, vertreten, aber so ausschließlich ist sie definitiv falsch. Das beweisen die vielen bahnbrechenden Erfolge, die sowohl Milton Erickson, als auch seine zahllosen Nachfolger haben. Dabei hat sich gezeigt, dass man für die meisten therapeutischen Nutzungen lediglich leichte bis mittlere Trancetiefen braucht. Das gilt auch für die Anwendung von aufdeckenden Verfahren im Sinne einer so genannten Hypnoanalyse, die sich mit vielen Menschen sehr erfolgreich in leichten bis mittleren Trancezuständen erfolgreich anwenden lassen. Jede beliebige Trancetiefe lässt sich sowohl mit direkten autoritären Suggestionen, als auch mit indirekten, permissiven (erlaubenden) Methoden erreichen. Erickson entwickelte seine viel subtileren Methoden unter anderem um der Individualität seiner Klienten und Patienten besser gerecht zu werden und konnte dadurch sogar Menschen helfen, die auf direkte autoritäre Suggestionen nicht ansprachen.

Hypnose hat genau genommen nichts mit Schlaf zu tun, auch wenn es meistens ein sehr entspannter Zustand ist und es teilweise gewisse Ähnlichkeiten gibt. Aber es gibt genauso viele Unterschiede. Auf jeden Fall ist Hypnose nicht Schlaf. Der hypnotische Zustand gleicht eher dem Übergang zwischen Schlafen und Aufwachen beziehungsweise Einschlafen. Die Fachleute nennen das den hypnagogen Zustand.


Im Zustand der Hypnose (den man auch als Trance bezeichnet) bekommen Sie auch in tiefsten Trancezuständen alles mit, was um Sie herum geschieht. Auch wenn von manchen Hypnotiseuren das Gegenteil behauptet wird. Das betrifft zumindest alles, was wirklich wichtig wäre, denn tatsächlich ist es das Ziel der therapeutischen Hypnose die Aufmerksamkeit zu fokussieren und nach innen, auf das innere Erleben zu lenken, sodass störende äußere Einflüsse oder Gedanken mehr und mehr ausgeblendet werden. Das Interessante ist, dass aber alles im Randbereich der Wahrnehmung trotzdem weiter wahrgenommen wird, und sollte dies etwas wirklich Wichtiges enthalten, unverzüglich eine entsprechende Reaktion bei der Person in Trance hervorrufen würde. Selbst in tiefsten Trancezuständen trifft das zu! Dies bestätigt sogar Dave Elman, einer der großen Klassiker der Hypnose in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Elman ist dafür bekannt, dass er innerhalb weniger Minuten (oder sogar schneller) Menschen helfen konnte in tiefste Trancezustände zu gelangen (aber bei weitem nicht allen, wie er selbst herausstellt!), sogar bis in die so genannte komatöse Trance oder den Esdaile-Zustand, in dem absolute Schmerzfreiheit besteht. Aber selbst diese Patienten berichteten immer wieder, dass sie alles um sich herum mitbekommen hätten! Durch ein anderes Phänomen, dass im hypnotischen Zustand häufig auftritt, scheint es dem betroffenen Menschen aber oft, als habe er nichts mehr mitbekommen: die Amnesie, das Vergessen von Inhalten aus der Trance. Diese Amnesie kann spontan auftreten oder der Therapeut könnte sie zu bestimmten Zwecken absichtlich hervorrufen. Eine solche Amnesie lässt sich aber jederzeit wieder rückgängig machen und die Person erinnert sich an alles.

Missverständnis: Man wird zum willenlosen Werkzeug

Missverständnis: Was ist, wenn ich nicht mehr zurück komme?

Missverständnis: Nur sehr tiefe Trancen sind wirklich erfolgreich

In einer Hypnoseshow habe ich aber gesehen ...

Manchmal sieht man in Hypnose-Shows recht spektakuläre Dinge. Manche davon mögen für den Nichteingeweihten tatsächlich recht spektakulär sein, andere sehen nur so aus. Viele Dinge die den ahnungslosen Laien in Begeisterung ausbrechen lassen, haben nicht einmal viel mit Hypnose zu tun. Um jemanden einen Striptease (zumindest bis zu einem gewissen Grad) machen zu lassen oder auf einem Tisch tanzen zu lassen, so zu tun, als säße man hinter dem Steuer eines Autos und ähnliche Sachen, machen viele Menschen auch nach dem zweiten oder dritten Bier mit, ist es nicht so?


Dafür, dass jemand wirklich seinen Willen an den Hypnotiseuren abgegeben hätte und gar nicht mehr anders kann, ist das nicht der geringste Beweis. Jeder der sich im Rahmen einer solchen Show als Freiwilliger oder Freiwillige meldet, sagt im selben Augenblick „ja“ zum Gelingen einer fantastischen Show (es sei denn, er ist ein typischer „Mismatcher“ (jemand der immer das Gegenteil tut und behauptet von dem was andere tun und sagen), aber dann wird er von einem geschickten Bühnenhypnotiseur schnell entlarvt und wieder auf seinen Platz geschickt. Die meisten seriösen Showhypnotiseure weisen sogar deutlich darauf hin, dass die grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit wesentliche Voraussetzung ist.


Also Vorsicht! Ich sage nicht, dass in einer Hypnoseshow Dinge getürkt werden! Wirklich gute Hypnotiseure vermögen die passenden Menschen auf schnelle Weise in tiefe Trancezustände zu leiten und die verschiedensten Trancephänomene vorzuführen.


Niemand kann in Trance dazu gebracht werden etwas zu tun, was er nicht irgendwie will und dem er nicht zustimmt (Auch wenn von Showhypnotiseuren immer wieder etwas anderes behauptet wird)! Und manche Menschen freuen sich geradezu (bewusst oder unbewusst) eine Ausrede zu haben etwas zu tun, was sonst vielleicht auf Missfallen stoßen könnte, sobald man ihnen nur die Gelegenheit dazu gibt. Sie kennen das, wenn zum Beispiel jemand sagt: „Ich konnte nichts dafür, ich war betrunken!“, oder? Außerdem dürfen wir nicht unterschätzen, welchen Erfolgsdruck es erzeugt, dort oben auf der Bühne zu stehen. Viele Menschen tun alles, um das Publikum oder den Hypnotiseur nicht zu enttäuschen. Auf der anderen Seite ist eine zu große "Compliance" (Bereitschaft mitzumachen) für die Demonstration von wirklich tiefen Trancephänomenen eher hinderlich.


Selbst "Großmeister" der Hypnose wie Dave Elman oder Sabrenno (Georg Nikolaus Brenneis) sagen: Niemand kann gegen seinen Willen in Hypnose geschickt werden. Sabrenno war ein überaus fähiger und tiefgründiger (Show-) Hypnotiseur des letzten Jahrhunderts. Er betont: Wir können niemanden ohne sein Einverständnis zu verbrecherischem Handeln bringen!


Unter Trancephänomenen versteht man zum Beispiel die Katalepsie oder verschiedene Arten von Halluzinationen. Katalepsie ist ein Phänomen, bei dem Teile des Körpers oder sogar der ganze Körper wie steif werden. - Ein Arm schwebt wie von selbst in die Luft, die Beine scheinen kraftlos zu werden und die Person kann nicht mehr aufstehen, den Arm nicht mehr bewegen, der Mund ist steif und kann nicht mehr sprechen und Ähnliches. Wenn die Person es wirklich wollte oder es plötzlich nötig wäre, könnte sie es ohne zu zögern! Aber sie will gerade nicht, ist viel zu träge, oder glaubt ganz einfach an das was ihr gesagt wurde, und das sind die wirklich springenden Punkte. – Die Person hat den Vorschlag, die Suggestion des Hypnotiseurs so weit angenommen, dass sie Wirklichkeit wird.


Eine beliebte Show-Einlage ist die kataleptische Brücke, bei der ein Mensch zwischen zwei Stühle gelegt wird (sodass zum Beispiel nur die Füße und die Schultern aufliegen) und der Körper verharrt ohne jede Anstrengung wie steif zwischen den beiden Stühlen. Solcher Art von Katalepsien treten häufig schon in recht geringen Trancetiefen auf. Bedauerlicher Weise sieht man dann immer wieder, dass ehrgeizige Showhypnotiseure anschließend noch eine Person sich auf den liegenden Menschen setzen lassen, oder sogar sich selbst daraufstellen. Falls jemand bereits einen Rückenschaden hat ein äußerst fragwürdiges Unterfangen, dass man lieber sein lassen sollte.


„Echte“ Halluzinationen bedürfen normaler Weise schon viel tieferer Trancezustände – wir brauchen das in der Therapie nur sehr selten. Oft ist es aber nur schwer zu sagen, wie echt die Halluzination wirklich ist. Nur weil jemand auf der Bühne wie ängstlich vor einem Tiger flüchtet, der gar nicht da ist, heißt das noch lange nicht, dass diese Person tatsächlich glaubt, einen leibhaftigen Tiger vor sich zu sehen. Tad James, ein weltweit bekannter NLP- und Hypnosetrainer sagt das gern so: „Es gibt Menschen, die verdienen mit ihren Halluzinationen sehr viel Geld. - Man nennt sie Architekten! Sie sehen Häuser, wo noch keine sind!“ Wie gesagt, es gibt aber auch solch realistische Halluzinationen (die können auf allen Sinneskanälen auftreten – visuell, auditiv, kinästhetisch (Körperempfinden) oder auch hinsichtlich des Geruchs- oder Geschmackssinns), die der betroffene Mensch als absolut realistisch empfindet. Vieles hängt dabei vom Können des Hypnotiseurs ab, aber viel mehr von der natürlichen Fähigkeit des Menschen mit dem er arbeitet. Daher sieht man in den Shows auch immer wieder Teilnehmer, bei denen nicht alle Demonstrationen gelingen.


Ja, und dann sind noch so genannte posthypnotische Suggestionen sehr beliebt. Das sind Suggestionen, die nach Beendigung der Trance auf ein Stichwort hin wirksam werden. Ein Beispiel könnte sein, dass wir einem Teilnehmer in einer Show sagen: „Jedes Mal, wenn ich mich gleich, nachdem du aus der Trance zurück gekommen bist, am Kopf kratze, wirst du einen Schluck Wasser trinken!“ (Aus einem Glas das vor ihm steht). Der Betroffene wird dann (wenn alles klappt) genau dieses tun und vielleicht sogar auch noch das Wasser für das leckerste Bier halten (geschmackliche Halluzination). Wenn man ihn aber genauer befragte, würden viele vielleicht etwa so antworten: „Natürlich habe ich die Suggestion mitbekommen, und natürlich könnte ich ihr widerstehen, aber ich hatte eh gerade Durst und warum sollte ich dann nichts trinken?“ Wir dürfen nie unterschätzen, wie viel mehr als es scheint die Menschen in Hypnose mitbekommen, und manchmal ist es eine Frage der „Compliance“, der Bereitschaft mitzuarbeiten.


Doch das Wichtigste in diesem Zusammenhang: Niemand kann in Hypnose zu irgendetwas gezwungen werden, was er tatsächlich nicht will und was gegen seine tiefsten Überzeugungen verstößt. Eine posthypnotische Suggestion, irgendein Verbrechen zu begehen, oder zu einem vollkommen willenlosen Objekt des Hypnotiseurs zu werden, ist zwar ein spannendes Thema für Krimis, entspricht aber meiner Meinung nach nicht im Geringsten der Realität dessen, was (allein) durch Hypnose möglich ist. Einen solchen Eindruck zu erwecken, dient aber leider auch dem Geschäft von Bühnenhypnotiseuren, die nun einmal vom Spektakulären leben und sich gerne mit dem Flair von fast übernatürlicher Macht über andere Menschen umgeben. Also gibt es auch diejenigen, die vehement das Gegenteil von der hier dargestellen Meinung vertreten. Der Satz, den ich von einer Klientin einmal hörte, den ihr ein solcher Mensch in einer Diskothek auf ihre Skepsis hin sagte, ob sie hypnotisierbar sei, ist nur für das Ego desjenigen wahr und notwendig, aber absoluter Unsinn: „Ich brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, und du wärst in tiefer Hypnose!“ Solches Gebaren schadet nicht nur der therapeutischen Hypnose, sondern meiner Meinung nach in gleichem Maße der Show-Hypnose.

Verbrechen unter Hypnose also nicht möglich?

Ganz so einfach ist es leider auch wieder nicht! Bei geschickter Anwendung mit geschickter Verführung lässt sich Vieles erreichen, aber dazu bedarf es ja nicht einmal der Hypnose, wie wir alle wissen.


Was manchmal (auch für die Hypnotiseure selbst) ein Beweis zu sein scheint, dass ein Mensch in Hypnose tatsächlich gegen seinen Willen zu gefährlichen oder verbrecherischen Dingen gebracht werden könne, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als durchaus fraglich:


Beispiel: Ein Mann wird unter Hypnose dazu gebracht, in einen Behälter mit giftigen Schlangen zu fassen. Seine Äußerung später (nach der Show): Das hätte ich doch nie getan, wenn ich nicht sicher gewesen wäre, das mir hier nichts geschieht! Ich selbst habe mir vor Jahren in einem Zirkus eine riesige Python um den Hals hängen lassen (durchaus nicht in Hypnose). Das habe ich auch nur getan, weil ich mir sicher sein konnte, dass der Künstler alles im Griff hat (eigentlich sind mir Schlangen extrem unsympathisch und ich würde nie freiwillig eine auch nur anfassen).


Beispiel: Eine Frau schießt (mit Platzpatronen) auf einen gefährlichen Tiger. Der Tiger ist aber in Wirklichkeit ein Mensch und die Frau hat eine illusionäre Verkennung suggeriert bekommen, sodass sie ihn für ein gefährliches Ungeheuer hält, das sie bedroht. Ein Beweis, dass man mit geschickten Mitteln unter Hypnose einen Mord begehen kann. Mitnichten! Wer so argumentiert, hat die Komplexität des Menschen noch nicht begriffen. George Estabrooks, einer der ganz großen Hypnotiseure zu Beginn und Mitte des letzten Jahrhunderts weist mit Recht darauf hin, dass sich ein wirklicher Beweis nur erbringen ließe, wenn man als Ergebnis wirklich eine Leiche im Experimentierraum (oder auf der Bühne) in Kauf nehmen würde! Warum? Weil Menschen eine unglaubliche Fähigkeit besitzen, an dem Wissen teilzuhaben, das die anwesenden und durchführenden Personen wissen. Nicht umsonst macht man in der Pharmazie Doppelblindstudien, bei denen weder der Arzt noch der Patient wissen, ob ein aktives Präparat oder ein Placebo verabreicht wurde.


Auf diese Weise lassen sich die meisten scheinbaren Beweise recht schnell entkräften.


Die meisten Vorführungen leben geradezu von dem Mythos Hypnose und einem Bild der Allmächtigkeit der Hypnotiseure. Denken Sie immer daran: Es ist eine Show, und ein solches Benehmen kommt halt meistens gut an, erweckt und festigt aber einen völlig falschen Eindruck. Leider sind manche (oder besser viel zu viele) dieser Vorführungen dabei geradezu erniedrigend und menschenverachtend, aber ich möchte damit keines Falls all Diejenigen diskreditieren, die ihr Showgeschäft seriös und professionell betreiben. Auf jeden Fall ist Show-Hypnose ein Geschäft, das von einer Art Omnipotenz-Mythos lebt. Durch den ganz besonderen Kontext einer Hypnoseshow wird eine eigene Art von Realität und Wirkung geschaffen.


Aber auch unter den Therapeuten gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die in gewisser Weise dem gleichen Mythos unterliegen und sich selbst gerne als die großen Macher sehen, die anderen Menschen zu Glück, Heilung und Unabhängigkeit verhelfen. Nach meiner Erfahrung ist jeder Egoismus und falscher Stolz in einer Therapie jedoch mehr schädlich als nützlich. Milton Erickson, der bekannte amerikanische Arzt und Hypnotherapeut, drückte das gerne so aus: Der Bühnenhypnotiseur brüstet sich gerne selbst seiner Fähigkeiten und seiner Macht über andere, um zu zeigen, was für ein toller Kerl er ist. – Der gute Hypnotherapeut ermöglicht es den Klienten zu erfahren, was sie selbst für wunderbare Menschen sind und zu welchen Leistungen sie in Wirklichkeit in der Lage sind!


Wie Sie vielleicht erkennen, ist das Ganze ein sehr komplexes Thema und viele Fragen lassen sich eigentlich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten!

Blog zum Thema Verbrechen in Hypnose

Es wird selten so viel Unsinn, gepaart mit Halbwissen, wie zu diesem Thema geschrieben. - Das Internet ist geduldig und dem Laien fällt es selten auf, wenn jemand im Brustton der Überzeugung Argumente anführt, die so nicht richtig (manchmal sogar blanker Unsinn) sind. Das meiste, was zur angeblichen Gefährlichkeit der Hypnose an Argumenten und Beweisen aufgeführt wird hält genauerer Überprüfung nicht stand. Das trifft auch für die Sendung bei Gallileo Mystery 2009 mit einem promovierten Berliner Psychologen zu.


In vieler Hinsicht kommt mir die Diskussion so vor, als wolle jemand die Gefährlichkeit eines Hammers oder des Autos betonen und beweisen. - Wir alle wissen, dass ein Auto im Straßenverkehr gefährlich ist und dass man es, genauso wie einen Hammer (und viele andere nützliche Dinge des täglichen Lebens) für Verbrechen und Gewalt missbrauchen kann, oder? 


Wer sich ausführlicher mit dem Thema Verbrechen in Hypnose beschäftigen möchte, findet einen sehr qualifizierten Beitrag hier:


http://hypnoseverbrecheninfo.wordpress.com/2010/04/07/hypnose-verbrechen/

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